Stadtwappen von Chemnitz          Chemnitz - im Wandel der Zeiten :: v.2.0 :: 01.10.09  
 
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Chemnitzer Stadtteile und Vororte

Hilbersdorf

Hilbersdorf - Frankenberger Straße um 1941
Hilbersdorf - Frankenberger Straße um 1941

Das Waldschlößchen in Hilbersdorf um 1919
Das Waldschlößchen in Hilbersdorf um 1919

Die Nervenheilanstalt an der Dresdner Straße 1927
Die Nervenheilanstalt an der Dresdner Straße 1927

 

 

 

  Text: Jens J. Schuster mit freundlicher Genehmigung

Vergleicht man heute die Chemnitzer Stadtteile untereinander, stellt man große Unterschiede in der postsozialistischen Entwicklung fest. Wahrend einige Stadtteile sehr schnell an Wirtschaftskraft und Lebensqualität gewonnen haben, scheint es in anderen etwas langsamer voranzugehen. Zu den letztgenannten gehört auch der Stadtteil Hilbersdorf. Wohl in keinem anderen Chemnitzer Gebiet stehen die Zeitzeugen der unterschiedlichen Epochen so dicht beieinander, wie hier. Zwischen den liebevoll hergerichteten Altbauten findet man tiefe Schluchten zerfallener Wohn- und Geschäftshäuser, die, wenn sie sprechen könnten, wohl ein lautes Wehklagen über ihren traurigen Zustand anstimmen würden. Ein beredtes Beispiel dafür ist der Hilbersdorfer "Fest- und Ballsaal" an der Frankenberger Straße. Welche Geschichte verbirgt sich hinter Hilbersdorf?
Das "Leben" des kleines Bauerndorfes beginnt am Ende des 13. Jahrhunderts. Durch Rodungen im fruchtbaren Erzgebirgsvorland entstand für die Landwirtschaft nutzbarer Boden, welcher durch den Hilbersdorfer Bach gut zu bewässern war. Schnell siedelte sich hier allerlei Landvolk aus den deutschen "Urgebieten" an und kultivierte das gerade christianisierte Land. Die erste Erwähnung des Dorfes findet man um 1290. Ganz nach fränkischem Vorbild entstand ein kleines Waldhufendorf, welches wie zu dieser Zeit üblich, ‘mal diesem und ‘mal jenem weltlichen oder kirchlichen Herren gehörte. Letztlich teilte auch Hilbersdorf das Schicksal der Nachbardörfer, indem es vom reichen Chemnitzer Benediktinerkloster aufgekauft und seiner Macht unterstellt wurde. Die Benediktiner ordneten Hilbersdorf dem Glösaer Kirchspiel unter und so ging die Gerichtsbarkeit auch vom benachbarten Glösa aus. Zur Dorfflur, deren Territorium etwas über 300 Hektar maß, gehörten 15 Bauernhöfe. Den heutigen Namen Hilbersdorf führt man auf den Anführer der damaligen Bauernschaft, Hildebrand, zurück. Sein Name führte zum Ortsnamen "Hillebrandisdorff" und später kurz "Hilbersdorf".
Die Hilbersdorfer Bauern selbst waren "freie" Bauern und erbberechtigte Besitzer ihres Bodens. Sie hatten lediglich einen Fron als Erbzins an das Kloster zu entrichten - den Röhrwasserdienst. Ihre Aufgabe war es, die Versorgung des Klosters mit frischem Wasser sicherzustellen. Zu diesem Zweck betrieben sie eine Holzrohrleitung, in welcher das Naß ständig in das Kloster floss.
Doch das Leben im Dorf war keineswegs so beschaulich, wie es scheint. Es wurde regelmäßig von plündernden Heerscharen heimgesucht und mehrmals vollkommen ausgeraubt. Besonders der 30jahrige Krieg und der Befreiungskrieg gegen Napoleon forderten ihre Tribute. Oftmals konnten die Hilbersdorfer wirklich nicht viel mehr retten, als ihr nacktes Leben.
Die wirtschaftliche Entwicklung setzte in Hilbersdorf am Ende des 18. Jahrhunderts ein. Zu dem ersten Wirtschaftssäulen zählte das Steinmetzhandwerk. Es lieferte die für Chemnitz wichtigen Baumaterialien aus eigenen Rohstoffquellen. Der in Chemnitz oft anzutreffende Porphyrtuff war reichlich in der Hilbersdorfer Flur zu finden. Die Auftragslage war mehr als gut und so wurde aus dem bis dahin verschlafenen und armen Dorf eine reiche Gemeinde. Schon 1797 wurde so in Hilbersdorf die Chemnitzer Steinmetzinnung gegründet. Der Aufschwung im Steinmetzgewerbe führte zu einem raschen Anstieg der Bevölkerung im Ort. Im 19. Jahrhundert entstanden immer mehr Steinbrecherbetriebe, welche aber auch zum Verfall der Landwirtschaften beitrugen.
In der Folge wandelte sich Hilbersdorf schnell zum Wirtschaftsvorort. Beschleunigt von der neuen Eisenbahnlinie Chemnitz-Dresden, der günstigen Lage des Chemnitzer Hauptbahnhofes und dem schnellen "Schulterschluss" zwischen Chemnitz und Hilbersdorf entwickelte sich der Ort zum Industriestandort. Die "Eisenbahnwerkstätten" und Produktionseinrichtungen der Zimmermannschen Werkzeugmaschinenfabriken siedelten sich hier an. Das nun brachliegende Bauernland bot ideale Bedingungen für den Wohnungsbau. Die reichen Bauern des Ortes schlossen sich mit den neuen Genossenschaften und anderen Kapitalgesellschaften zusammen und bauten Wohnungen für viele Hunderte Arbeiter. Auf einem anderen Teil der Ortsflur entstand der größte Güterbahnhof Sachsens. Im Jahr 1900 erreichten allein die verlegten Gleise eine Länge von mehr als 70 km - und das auf dem Boden von drei Bauerngütern.
Nachdem die wirtschaftlichen und sozialen Verflechtungen zwischen Chemnitz und Hilbersdorf immer dichter wurden, gemeindete man am 1. April des Jahres 1904 Hilbersdorf nach Chemnitz ein.

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 Stand: 2.1     04.01.10
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